Von der Boxenhaltung zur artgerechten Pferdehaltung

Seit 35 Jahren beschäftige ich mich mit Pferden und damit natürlich auch mit den verschiedensten Formen der Pferdehaltung. Angefangen von der Boxenhaltung als Einzelhaltung und den unterschiedlichste Modellen des Offenstalls.

Wie aber ist es um die Grundbedürfnisse unserer Pferde in diesen Haltungen bestellt?
Die  Grundbedürfnisse des Pferdes sind: große Bewegungsfreiheit, Licht, frische Luft, der Herdenverband, die kontinuierliche Futteraufname von bis zu 16 Stunden täglich. Doch genau diese Grundbedürfnisse finden bei den meisten Pferdehaltungen, die ich kenne, entweder gar nicht oder nur zum Teil Berücksichtigung. Warum ist das so? Nun, man hat sich an diese Form der Pferdehaltung gewöhnt und empfindet sie so als praktisch. Insbesondere bei Sportpferden, die meistens in der Einzelhaltung (Box)  leben, steht der schnelle Zugriff auf das einzelne Tier im Vordergrund. Das Pferd und seine Bedürfnisse sind zweitrangig. Es wird damit argumentiert, dass es besser sei für die Gesundheit und die Fitness des Pferdes. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass auch ich einst so argumentiert habe. Wie aber sieht die traurige Wahrheit aus?

Rund 50% der Ausfälle bei Pferden sind Erkrankungen des Bewegungsapparates. Bei 30% der Erkrankungen wird eine chronische Veränderung der Atemwege als Ursache angegeben. Die Ursache dieser Erkrankungen ist vorwiegend in der Haltungsform in Verbindung mit zu wenig Bewegung zu finden. Es gibt Untersuchungen von Bachmann und Stauffacher (2002), wonach die Tiere in diesen Pferdehaltungen im Durchschnitt nur 4,2-mal wöchentlich für etwa 1,5 Stunden bewegt werden. Und das, obwohl in der Genetik der Pferde das Steppentier verankert ist. Schadensursachen-Statistiken der Tierversicherungen und andere Untersuchungen zum Aufkommen von Erkrankungen bei Pferden erlauben Rückschlüsse, inwieweit das Krankheitsaufkommen in Verbindung mit der Pferdehaltung steht.

Ein Bewegungsmangel bei Pferden wirkt sich nicht nur auf den Bewegungsapparat aus. Sondern auch auf den Stoffwechsel, die Herz-Kreislauffunktionen, die Verdauungsorgane und die Atemwege. Und ganz gravierend auf das Verhalten. Verhaltensauffälligkeiten, sogenannte Untugenden wie z. Koppen, Weben oder Boxenlaufen – in der Fachsprache werden sie auch als „Stereotypien“ (Bewegungen oder Handlungen, die über lange Zeit und immer wieder in gleicher Weise wiederholt werden) bezeichnet -, sind der Versuch des Pferdes, Wohlbefinden herzustellen. Siehe Artikel im bayrischen landwirtschaftlichem Wochenblatt

Fehlendes Sozialverhalten, Unausgeglichenheit sowie Temperamentsausbrüche beim Reiten oder Handling des Pferdes sind weitere Ursachen von Bewegungsmangel und Einzelhaltung (Problem Pferd?). Diese Fakten konnte ich in meiner langjähringen Praxis mit Pferden tageintagaus beobachen, trotzdem war ich ein Verfechter der Boxenhaltung, wenn auch mit Koppelgang im Gruppenverband von mehrern Stunden täglich.

Die meisten Offenstallhaltungen, die ich kennengelernt habe, erfüllten dieses Grundbedürfnis der Pferde an Bewegungsfreiheit auch nur zum Teil oder unzulänglich. Sodass sie für mich keine Alternative darstellten.
Bis ich im Mai 2012 einen Traum, oder besser gesagt die Realisierung einer artgerechten, natürlichen Pferdehaltung in Bernlohe, Nähe  Nürnberg kennenlernen durfte . Auf 45,000 m³, mit natürlichen Baumbeständen und Flussläufen untermalt, leben die Pferde hier in natürlichen Herdenverbänden. Eine artgerechte Pferdehaltung, wie sie so in Deutschland einmalig ist. Diese Form der Pferdehaltung überzeugte mich sofort. Spontan entschloss ich mich, diese artgerechte Pferdehaltung näher kennenzulernen.

Blick auf die Weide

 

Hier in Bernlohe, Nähe Nürnberg, bot sich mir die Möglichkeit, Pferde in ihrer natürlicher Umgebung kennenzulernen. Pferde in einem unverfälschten Umfeld in Verbindung mit artgerechter Pferdehaltung zu erleben. Von und mit Pferden zu lernen. In ruhiger entspannter Atmosphäre einfach mal zur Ruhe zu kommen und die Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Es war eine interessante und lehrreiche Zeit, ich konnte hier viel über Pferde & Menschen lernen. Ich bedanke mich, daß ich letzten 3 Jahre hier verbringen durfte.

 

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